Bach - Die Cellosuiten

Vor längerer Zeit erstand ich einen Schuber mit 20 CDs des niederländischen Cellisten Anner Bylsma. Neben vielen anderen Werken befand sich darin auch seine Interpretation aller sechs Cello-Suiten J. S. Bachs, BWV 1007–1012. Ich muss gestehen: Wirklich begeistert war ich von dieser Musik nicht. Wie ich nun sehr viel später feststellte, lag das jedoch nicht an Bach, sondern an Bylsma.

 

Nachdem ich nun viele andere Einspielungen gehört habe, empfinde ich seine nur noch als virtuoses Geschrammel, vordergründig emotional, aber ohne wirklichen Tiefgang. Gefördert wird dies durch eine – in meinen Ohren – leicht spitz klingende Aufnahmetechnik, der ein stimmiges Grundton-Volumen fehlt, das einen guten Cello-Klang erst ausmacht.

 

Vor der eigentlichen Besprechung verschiedener Aufnahmen hier zunächst ihre Auflistung; es handelt sich bei allen um Komplett-Einspielungen aller sechs Cellosonaten:

 

Meine alte „Referenz“:

Anner Bylsma, Sony, 1992  JPC

 

Die engere Wahl:

Thomas Demenga, ECM, 2016 JPC

Jaap ter Linden, Harmonia Mundi, 1997; Brilliant, 2006 JPC

Yo-Yo Ma, Sony, 1982 JPC; Sony, 1994 JPC

Truls Mork, Virgin, 2005 JPC

  

Dazu Aufnahmen von (in alphabetischer Reihenfolge): Baumann, Bailey, Berger, Butt, Casals, Cocset, Fournier, Gendron, Kniazew, Kuijken, Pandolfo (Gambe), Pergamenschikow, Queyras, H. Schiff, Starker, Thedeen, Tortellier, Watkin, Wispelwey. Alle Interpretationen dieser zweiten Aufzählung fielen nach kurzen Hörproben aus den verschiedensten Gründen schnell aus der Auswahl heraus.

 

Pandolfo schätze ich als Gambisten ansonsten sehr (z. B. in seinen Interpretationen des Abelschen Drexel-Mauskripts), allerdings kann seine Fassung der Bachschen Cellosuiten für Gambe kaum mit den Cello-Einspielungen konkurrieren – schon gar nicht mit den weiter unten beschriebenen allerbesten.

 

Wie ich schnell feststellte, liegt mir bei Bachs Cellosonaten die langsamere Gangart eher, als eine schnelle. Die zügigen, tänzerischen Passagen dürfen gern entsprechend gespielt werden. Werden sie jedoch zu reinen Schaustücken des eigenen Cellisten-Könnens umfunktioniert, bleibt der Geist der Musik oft auf der Strecke. Bei den langsamen, leisen Sätzen scheint es noch schwerer, eine angemessene Form zu treffen. Das Schlichte und Klare, das diese Sätze für mich so ansprechend und berührend machen, darf nicht in Langeweile abgleiten – aber auch nicht mit emotionalem Überschwang zu Schwulst und Kitsch aufgebauscht werden. Fast alle Interpreten gehen den einen oder anderen dieser Wege – und sind für mich damit gescheitert.

 

Am Ende blieben aus einer schier unüberschaubaren Masse (etliche Cellisten spielten die Suiten sogar zweifach ein) nur eine Handvoll Aufnahmen beschäftigungswerter Aufnahmen übrig. 

 

 

Im Vergleich zu den vielen anderen gefiel mir Yo-Yo Mas Aufnahme ältere Aufnahme (Abb. links) zunächst durchaus gut. Die neuere überzeugte  mich im Direktvergleich weniger. Demenga (Abb. rechts) kommt meinen Vorstellungen deutlich näher. 


Weniger romantisierend, weitab jeglicher Effekthascherei und von einer präzisen Tontechnik unterstützt, kommt er meinen Vorstellungen einer gelungenen Interpretation schon sehr nah; und ohne die Einspielungen, die ich im Folgenden beschreibe, hätte ich mich wohl für seine  entschieden.

 

Jaap ter Linden legt die Suiten in seiner Brilliant-Einspielung deutlich breiter an. Manchem Hörer mag das erste Präludium schon zu langsam gespielt sein; die schnellsten Vertreter, zu denen auch Anner Bylsma gehört, benötigen immerhin eine Minute – von gut drei Minuten – weniger. 

Über alle Suiten hinweg strahlt  ter Linden eine angenehme Ruhe aus, hier wirkt nichts überhetzt wie bei seinem Landsmann Bylsma. In dieser neueren Einspielung (rechts) klingen manche Passagen allerdings auch geringfügig unverbindlicher, als in der älteren Harmonia-Mundi-Aufnahme aus den 1990er Jahren. Im Vergleich ter Linden gegen ter Linden hat die ältere Aufnahme die Nase vielleicht geringfügig vorn. Auf Youtube kann man sich alle sechs Suiten in der älteren Aufnahme jeweils komplett zur Probe anhören. Als CD ist sie derzeit nicht verfügbar, Presto Classical führt sie jedoch als Download im Programm. Die neuere ist bei Brilliant Classics als Doppel-CD im Programm.

Ohne das Capriccio-Kulturforum hätte ich die nächste Aufnahme mit Truls Mørk wohl kaum entdeckt. Sie entwickelte sich schnell zu meinem Favoriten. Auch Mørk spielt insgesamt sehr bedacht, benötigt also fast so viel Zeit für den Gesamt-Zyklus wie ter Linden; allerdings wirkt Mørk oft zupackender. 

 

An vielen Stellen schafft er die Gleichzeitigkeit eigentlicher Gegensätze. Sein Spiel wirkt manchmal gleichzeitig klar und dennoch warm, gleichzeitig analytisch und überlegt aber dennoch emotional. Er schafft es, einseitige Extreme zu vermeiden, dabei aber auch nicht in der (oftmals langweiligen) Mitte zu landen. Was ich an anderer Stelle zu Bachs Musik allgemein schrieb (dass diese wie kaum eine andere imstande ist, bei mir gleichzeitig Herz und Verstand anzusprechen), trifft hier in ganz besonderem Maße zu. Die zweieindrittel Stunden des Hörens sind viel zu schnell vorüber.

Die ganze Aufnahme wirkt wie eine Reduktion aufs Wesentliche: Noten, Instrument, Klang. Der Spieler so zurückgenommen, dass er nur noch Mittlerrolle zwischen diesen Dreien übernimmt; dazu der Aufnahmeraum und die Technik so perfekt unaufdringlich, dass man darüber gar nicht mehr nachdenkt. Obwohl gerade dem Technikteam großer Dank geschuldet ist: Mørks außerordentliches Feingefühl für die Musik und für sein Instrument wird kongenial eingefangen und zum Hörer transportiert. Klarheit und Verfärbungsarmut dieser Aufnahme sind vorbildlich. Die Räumlichkeit ist perfekt auf den Punkt gebracht: Obwohl das Cello sehr sonor und manchmal knorrig klingt (andere Aufnahmen wirken dann schon zu „trocken“), unterstützt ein ganz leichter Raum-Anteil das sehr natürliche Klangbild. Auch hier sind wieder scheinbare Gegensätze perfekt unter einen Hut gebracht!

 

Natürlich ist Musikempfinden immer Geschmackssache. Mir gefallen je nach Gemütslage die Aufnahmen der beiden zuletzt genannten Interpreten am besten. Die Ruhe und Gelassenheit, die ter Linden in beiden Aufnahmen ausstrahlt, hilft mir, mich zu entspannen, „herunter“ zu kommen und meine Aufmerksamkeit nach innen zu richten. Mørks Einspielung ist ähnlich tiefgehend und intensiv, allerdings wirkt sie auf mich eher an- bis aufregend.