Bach - Das Wohl temperierte Clavier II

Bachs Wohl temperiertes Clavier stellt einen kleinen musikalischen Kosmos dar, dem ich mit einer einzigen Aufnahme nicht beikommen kann. Eineinhalb Jahre nach der letzten intensiveren Auseinandersetzung mit den beiden Bänden dieses Werkes verbrachte ich nun wieder viele Stunden mit dem Durchhören verschiedener Aufnahmen.

 

Mittlerweile beobachte ich an mir, dass ich häufiger zu einer am Flügel gespielten Version greife. Besonders, wenn ich nicht nur einzelne Stücke, sondern ein ganzes Buch zusammenhängend hören möchte. Ein Cembalo beginnt mich mit seinem eher monotonen, obertonreichen Klang schneller zu ermüden (im Einzelfall vielleicht sogar zu nerven) wie ein moderner Flügel. Dennoch möchte ich auf eine Cembalo-Version nicht verzichten.

 

Auch innerhalb dieser beiden Spielarten konnte ich die  jeweils eine Aufnahme bislang nicht finden. Gerade beim Einsatz eines modernen Flügels ergeben sich für den Pianisten noch mehr Möglichkeiten der Ausgestaltung, so dass hier die Suche aus der Vielzahl der Interpretationen besonders schwer fällt.

 

Klavier-Einspielungen

Bei meiner alten Gulda-Aufnahme stellt sich mittlerweile ein ähnlicher Effekt ein, wie oben für das Cembalo veschrieben: Ich kann sie kaum komplett hören. Das liegt einerseits am Klangbild, das ich als wirklich misslungen empfinde. Im zweiten Buch ist dieser Eindruck gegenüber dem ersten nochmals gesteigert, so dass ich mir dieses zuletzt kaum noch anhörte. Aber auch mit Guldas Interpretation bekomme ich zunehmend ein Problem. Sein Ansatz wirkt auf mich sehr analytisch, was durch präzises, oft perkussiv anmutendes Spiel unterstützt wird. Um die einzelnen Stücke in ihren Strukturen kennenzulernen, ist das sicherlich ein guter Ansatz; und der gefällt mir zu diesem Zweck auch nach wie vor sehr gut! Aber mich einfach zwei Stunden entspannt der Musik hinzugeben – das mag mir bei Gulda nicht gelingen.

 

Auf der Suche nach anderen Einspielungen stieß ich auf viele, die mir schon vor eineinhalb Jahren nicht gefielen – und auch heute bei mir keinen besseren Eindruck hinterließen. Darunter auch die immer wieder hochgehaltenen von Fischer, Gould, Koroliov, Pollini, Richter, Schiff (die ältere Decca-Aufnahme) usw. Sie alle fielen schnell aus der Auswahl heraus; wie auch die eigentlich sehr ansprechende Aufnahme von Till Fellner aus 2002 (JPC | Qobuz). Er hat leider nur das erste Buch eingespielt und ich suche ausschließlich nach Interpreten, die beide Bücher vorgelegt haben.

 

Einige interessante – mir bis dahin unbekannte – Interpretationen fand ich dann doch: Jene von Barenboim, Feltsmann, Hewitt, Schiff und Ugorskaja. Bei Hewitt und Schiff beziehe ich mich auf die neueren Einspielungen aus den Jahren 2008 und 2011.

 

Barenboim spielt sehr virtuos, mir gefallen jedoch die sehr großen Unterschiede zwischen den schnell und den langsam gespielten Stücken nicht: Für meinen Geschmack hetzt er in viel zu hohem Tempo durch einige schnelle, und einige langsame walzt er allzu breit aus. Das ist ein Auf und Ab, dem ich nicht lange zuhören mag. Auch der hallige, weiche Klang der Aufnahme sagt mir nicht zu.

 

Die anderen vier Aufnahmen gefielen mir zunächst jede auf eine andere Art sehr gut. Beim Vergleichen der einzelnen Präludien und Fugen fiel Schiff zunächst ab. Hewitt und Feltsmann lagen fast immer vorn. Feltsmann wegen seiner glasklaren Analytik, die im Vergleich zu Guldas Präzionswerk für mich näher an der Musik liegt – rein klanglich ist sie auf dem besten Stand der Technik. Hewitt gefiel mir in ihrer angenehmen Zurückhaltung, sie spielt weniger analytisch, sehr neutral, mit feinen dynamischen Abstufungen. Ihr Instrument klingt leider ein wenig dünn, gleichzeitig dumpf-verhangen. Ugorskaja interpretiert einzelne Stücke recht eigenwillig, kann im Ganzen jedoch überzeugen – auch klangtechnisch.

 

Nach den Komplett-Durchläufen änderte sich das Bild. (Ähnliches hatte ich schon einmal beim Vergleich verschiedener Aufnahmen Mendelsohns Lieder ohne Worte erlebt.) Je mehr sich der Pianist auf die notengetreue Wiedergabe der einzelnen Stücke konzentriert, desto mehr verliert er den Blick für das große Ganze, wie es für mich scheint. Nachdem ich mich nach dem ersten Hördurchgang für keinen der drei in meiner Wertung vorn liegenden Interpreten entscheiden konnte, wurde ein anderer zum plötzlichen Favoriten – aber der Reihe nach ...

 

Hewitts vornehme Zurückhaltung führt bei längerem Hören zur Langeweile. Auch Feltsmann mag ich kaum länger zuhören. Ähnlich wie bei Gulda, zwingt mich sein analytisches Spiel zu so konzentriertem Zuhören, dass irgendwann Erschöpfung eintritt. Ugorskaja schafft es, einen Bogen zu spannen, der mich bis zum Schluss bei Laune hält. Aber mehr noch begeistert mich Andras Schiff.

 

Bei ihm stellt sich das Gefühl ein, nicht der Aneinanderreihung von Einzelstücken zuzuhören, sondern zweier in sich geschlossenener Werke. 24 einzelne Blättern werden hier zu einem Buch gebunden. Dieser Eindruck wird vielleicht dadurch unterstützt, dass Schiff für beide Bücher nur gut vier Stunden benötigt. Ugorskaja braucht allein für das zweite Buch fast drei Stunden! Auch die Klangtechnik gefällt mir in ihrer neutralen Zurückhaltung und Ausgewogenheit. Auf meinen Abhörgeräten (sowohl Lautsprecher wie Kopfhörer) klingt der Flügel angenehm breitbandig, mit weder zu trockenem noch zu halligem Raum. Details werden hörbar gemacht, aber nicht überbewertet. So unterstützen auch die rein klanglichen Eigenschaften der Aufnahme langes Zuhören.

 

Schiffs ECM-Aufnahme hat einen dauerhaften Platz in meiner Sammlung gefunden. Ich empfehle sie jedem, der die beiden Bücher des Wohltemperierten Clavier jeweils gern im Ganzen hört!

 

  

Das Wohltemperierte Klavier 1 & 2

Andras Schiff

ECM, 2011, 4 CDs

JPC | Qobuz


 

Das Wohltemperierte Klavier 1 & 2

Dina Ugorskaja

CAVI, 2015, 5 CDs

JPC | Qobuz 1. Buch | Qobuz 2. Buch


 

Das Wohltemperierte Klavier 1 & 2

Vladimir Feltsman

Nimbus, 1992/95, 4 CDs

JPC | Qobuz (nicht verfügbar)


 

Das Wohltemperierte Klavier 1 & 2

Angela Hewitt

Hyperion, 2008, 4 CDs

JPC | Qobuz (nicht verfügbar) | Hyperion


Cembalo-Einspielungen

Die ältere Aufnahme mit Bob van Asperen ist nach wie vor nicht die schlechteste, zumal sie aktuell mit einigen anderen Werken gekoppelt zu einem sehr günstigen Preis angeboten wird. Allerdings befriedigt mich diese Aufnahme nicht immer und der oben beschriebene Ermüdungseffekt tritt manchmal schnell ein. JPC | Qobuz

 

Also begab ich mich auch auf die Suche nach einer neuen Cembalo-Einspielung. Celine Frischs 2014 bei Alpha erschienene Aufnahme gefiel mir sehr gut (sie macht mit ihrem Spiel ihrem Namen alle Ehre). Leider hat sie bislang nur das erste Buch eingespielt und wie schon unter „Klavier-Einspielungen“ angedeutet, möchte ich gern beide Bücher aus einer Hand hören – deswegen schafft auch sie den Sprung in meine Sammlung vorläufig nicht. JPC | Qobuz

 

Zwei recht neue Aufnahmen von John Butt und Christophe Rousset empfand ich beide als belanglos gespielt. Auch die Tontechnik konnte mich nicht begeistern, besonders von der Linn-Aufnahme (Butt) hatte sich der HiFi-Enthusiast in mir mehr versprochen. Bei beiden Aufnahmen stellte sich der Ermüdungseffekt durch echte Langeweile ein.

 

Nun aber zu den beiden Aufnahmen, die mich ansprachen: 

 

Das Wohltemperierte Klavier 1 & 2

Christine Schornsheim

Capriccio, 2011, 4 CDs

JPC | Qobuz


 

Das Wohltemperierte Klavier 1 & 2

Pieter-Jan Belder 

Brilliant, 2008, 4 CDs

JPC | Qobuz


Bei allen Unterschieden: Beide Aufnahmen wurden auf hohem spieltechnischen wie klangtechnischen Niveau eingespielt. Belders Aufnahme wirkt dabei deutlich kühler auf mich. Schornsheims Instrument klingt sonorer, voller und wärmer, bietet ein hochreichendes, fein aufgelöstes Obertonspektrum. Unter dem Strich liegt diese facettenreiche Aufnahme klangtechnisch für mich vorn.

 

Beide Interpreten gehen sehr ausdrucksstark ans Werk, lassen der Musik dennoch ihren eigenen Atem. Vom ersten Präludium bis zur letzten Fuge werden große Bögen gespannt. Schornsheim spielt für mich souveräner und gelassener, auch arbeitet sie die Strukturen sorgfältig heraus. Bachs Musik wird schlicht und klar zum Hörer transportiert; sie wirkt trotz des alten Instrumentes, auf dem sie gespielt wird, manchmal unglaublich modern und hat dadurch einen sehr universellen und zeitlosen Charakter. 

 

Auch Schornsheims Tempogebung ist für mich schlüssiger als Belders. Dieser neigt bei schnelleren Stücken zu überhöhten Tempi und klingt dann manchmal leicht „verhuscht“. Die Gesamtdarstellung der Bücher gelingt Schornsheim von allen Interpreten (am Cembalo) am besten,  weil sie die Einzelstücke untereinander in einen stärkeren, logischer wirkenden Kontext bringt. Hier habe ich keine Probleme, den Stücken eines Buches zwei Stunden lang zu folgen, weil das Folgende immer zum Vorigen passt.

 

Am Ende des Vergleichs schlägt sich van Asperen tapfer: In Sachen Interpretation besteht für mich Gleichstand zwischen ihm und Belder. Dank des – trotz höheren Alters – geringfügig besseren Klangbildes liegt er in der Gesamtwertung sogar leicht vor Belder. Zu Schornsheim kann er jedoch nicht aufschließen. Sie führt das „Testfeld“ mit ihrer berührenden und klanglich perfekten Aufnahme für mich derzeit eindeutig an. 

 

 

Schlusswort

Das Schlusswort kann nur ein vorläufiges sein. Denn wenn ich eines bei diesem erneuten Hörvergleich lernte: Bachs Musik bietet wegen ihrer zeitlosen Schlichtheit und Schönheit so viele Möglichkeiten der Interpretation, dass es dumm wäre, sich auf eine einzige festlegen zu wollen.

 

Momentan lege ich meist Schiff und Schornsheim auf. Ich werde jedoch sicher auch immer wieder in einzelne Stücke mit Gulda oder van Asperen hineinhören.  Mit meiner eigenen persönlichen Weiterentwicklung werden im Laufe der kommenden Jahre dann vielleicht auch noch weitere Interpretationen hinzukommen und es wird weitere Besprechungen der Einspielungen des wohltemperierten Claviers geben ...