Beethoven – Die Klaviersonaten

Stellt Bachs Wohltemperiertes Clavier für Pianisten so etwas wie das Alte Testament dar, so werden Beethovens Klaviersonaten gern als das Neue Testament bezeichnet. Für den Hörer gehören sie auf jeden Fall zu den interessantesten und schönsten Sammlungen.

In der Vergangenheit hatte ich zahlreiche einzelne Einspielungen verschiedener Sonaten. Wie schon unter Schumann beschrieben, ziehe ich heute jedoch Komplett-Aufnahmen aus einem Guss – sprich eines Interpreten – vor. Da Beethovens Klaviersonaten zu den am häufigsten auch komplett eingespielten gehören, existiert eine große Anzahl von Gesamtaufnahmen. Im Gegensatz zu Schuberts oder Schumanns Klaviersonaten fällt hier die Auswahl also wirklich schwer. Da ich kein Freund historischer Aufnahmen bin, legte ich das Suchraster auf die vergangenen 50 Jahre fest. (Für mich zählt immer der Gesamteindruck einer Aufnahme, an dem die Aufnahmetechnik einen hohen Anteil hat – erst ab etwa Mitte der 1960er Jahre vermögen mich viele Aufnahmen auch klanglich zu befriedigen.)

 

Ich hörte und verglich also wieder einmal Stunden und Tage lang hunderte Einzel-Stücke. Aus der Vergangenheit lagen mir Aufnahmen von Arrau, Buchbinder, Gould, Gulda, Kempff und Pollini vor; dazu gesellten sich nun noch Ashkenazy, Brendel, Gilels, Korstick und Perl. Sie alle haben – z. T. mehrfach! – Gesamteinspielungen vorgelegt (Gilels allerdings mit kleinen Lücken). Zunächst tat ich mich schwer mit einer Beurteilung, weil jeder der genannten Pianisten  – trotz aller Unterschiede in der Interpretation – Beethoven auf höchstem spieltechnischem Niveau bietet.

 

Für mich zeichnet sich eine gute Interpretation Beethovenscher Klaviersonaten dadurch aus, dass sie sie einerseits nicht zu sehr in die Nähe der Romantik gerückt, andererseits  aber auch nicht zu nüchtern und trocken auslegt wird. Diese für mich sinnvolle, gute Balance schafft nur Buchbinder – und zwar in den älteren, um 1980 herum entstandenen Telefunken-Aufnahmen: 

 

 

Ludwig van Beethoven

Sämtliche Klavierwerke

Rudolf Buchbinder, Klavier

Telefunken (heute Warner) 1976-1982, 15 CDs

JPC | Qobuz

 

Im Gegensatz zu vielen – insbesondere jüngeren – Einspielungen wird Beethoven von Buchbinder nicht über-emotionalisiert (diese romantisierenden jüngeren Aufnahmen kamen von vornherein nicht in meine engere Wahl). Andererseits spielt er die Sonaten sehr viel spannender, als zum Beispiel Arrau oder Kempff. Kritiker warfen Buchbinder beim ersten Erscheinen dieser Aufnahmen eine unterkühlte Interpretation vor, diesen Vorwurf kann ich nicht teilen. 

 

Im Ganzen können für mich nur zwei Aufnahmen mit Buchbinders konkurrieren: Erstens die rund 10 Jahre zuvor entstandene Gulda-Einspielung (JPC). Sie wirkt in den schnellen Sätzen oft ein wenig kantiger, aggressiver und teilweise noch schneller, ist dennoch höchst präzise gespielt – daran mag der deutlich trockenere Klang des Klaviers Anteil haben (der mir im Übrigen bei längerem Hören schnell auf die Nerven geht). Die langsamen Sätze langweilen jedoch auch manchmal, wo sie mich bei Buchbinder immer noch ansprechen. Zweitens die recht junge Aufnahme mit Michael Korstick (JPC). Auch er ist näher am „kantigen“ Beethoven, spielt oft allerdings auch recht wuchtig. Korstick steht vielleicht die beste Aufnahmetechnik zur Seite, sein Flügel klingt sehr vollmundig, mit ausgeprägten unteren Lagen.

 

Zwei andere Aufnahmen, die erst spät aus meiner Auswahl fielen, sind jene von Ashkenazy (JPC) und Perl (z. Z., im Sommer 2017, leider nicht mehr verfügbar). Sie wirken ein wenig zurückhaltender und weicher. Auf jeden Fall sind auch sie es wert, gehört zu werden, wenn man sich für Beethovens Klaviersonaten interessiert! Dazu vielleicht auch noch die Neuauflage Buchbinders aus den Jahren 2010/11 (JPC). Für mich war Buchbinder vor 35 Jahren noch ein wenig näher an Beethoven – jedenfalls für meinen persönlichen, subjektiven Geschmack.

 

Der Flügel wurde bei diesen älteren Einspielungen angenehm rund und räumlich aufgenommen, dabei gehen – auch bei sehr schnellem Spiel – keine Details unter. An wenigen Stellen ahnt man allerdings auch, dass die analoge Aufnahmetechnik nicht ganz den hohen Dynamikumfang modernerer Digitaltechnik erreichen konnte, leichte Verzerrungen schienen unvermeidbar. Dennoch klingen diese Aufnahmen durchweg erfreulich frisch, manch neuere Einspielung klingt schlechter! 

 

Was die alte Buchbinder-Edition zusätzlich auszeichnet: Auf 15 CDs wurden nicht nur die Klaviersonaten, sondern Beethovens komplette Werke für Klavier zusammengestellt. Auch abseits der Sonaten finden sich zahlreiche interessante Stücke; ich denke da gar nicht einmal an das vielgeschundene Für Elise oder Die Wut über den verlorenen Groschen, sondern an die Fantasie op. 77, die Sonate in D-Dur (WoO 47) oder auch verschiedene der vielen Bagatellen und Variationen über fremde (oder eigene) Themen. Lediglich die CD mit Werken für Flöte und Klavier wäre für meinen Geschmack entbehrlich gewesen.

 

Diese Gesamteinspielung ist für sehr günstige, rund 40 Euro erhältlich, sowohl als CD-Paket wie im Download (s. o.!).